GRIECHENLAND sollte es auf Rezept geben



Mit Griechenland verbinden mich ganz besondere Erinnerungen (siehe auch "Griechisch Blau Blues"). Meine Vorfreude zur Chalkidiki zu fliegen ist also entsprechend groß. In den letzten Wochen, so hat es mir das Internet verraten, rollte eine Hitzewelle über die Halbinsel unterhalb von Thessaloniki.
Als wir am späten Nachmittag in Griechenland landen sind es beinahe noch dreißig Grad. Nachdem wir den Koffer auf dem Zimmer verstaut haben, stürmen wir die Poolbar und kommen erstmal an.


Was ich am anderen Morgen erblicke, als ich die Vorhänge des Hotelzimmers öffne, halte ich zuerst für einen schlechten Scherz. Von der offenen Balkontür her schlägt mir ein kalter, klammer Wind entgegen und es regnet.

Wie ärgerlich. Und was für ein Glück.

Diesen Urlaub wollten wir komplett faul verbringen. Keine Ausflüge, keine Besichtigungen. Nur der Strand, die Poolbar, das Hotelzimmer und ein leerer Kopf. Den Stress, der uns zuhause fest im Griff hatte, passiv bekämpfen.
Anstelle von Strand und Poolbar disponieren wir jetzt wetterbedingt auf Mietwagen und Ausflüge um. Wir erkunden die beiden westlichen Landzungen Kallithea und Sitonia. Zu Athos, der östlichen Landzunge ist, ist Frauen der Zutritt verwehrt.


Griechenland enttäuscht mich auch diesmal nicht.



Pittoreske Dörfer. Der Kanal von Nea Potidea. Imposante Kirchen. Liebevoll dekorierte Balkons. Gastfreundliche, humorvolle Menschen. Kleine, verführerische Tavernen. 



Glasklares Wasser voller bunter Fische und neugieriger Oktopusse. Mit jedem Kilometer, den wir Chalkidiki erkunden, singt unser Stresspegel proportional. Griechenland sollte es auf Rezept geben.



BAD WILDUNGEN: So viele Möglichkeiten



Das geplante Wellness Wochenende sollte eigentlich entspannend minimalistisch ablaufen: Schlafen, saunieren, ruhen, massieren lassen, essen, trinken, schlafen, saunieren, ruhen und so weiter. Bad Wildungen und Umgebung haben aber so viele Möglichkeiten zu bieten, dass es ein Frevel wäre sich nur in den Etagen des Hotels vor und zurück zu bewegen. Deshalb vertagen wir die pure Entspannung auf das nächste mal und erkunden die abwechslungsreichen Freizeitziele in und um Bad Wildungen:

Baumkronenweg & Wildtierpark am Edersee


Vom Kassenhäuschen zum Baumkronenweg am Edersee sind es einige Minuten Fußweg durch ein lauschiges Waldstück. Der Baumkronenpfad geht bis zu 25 Meter hoch in die Baumwipfel und ist hauptsächlich für Familien interessant. Mit viel Liebe zum Detail werden Kindern die kleinen Wunder des Waldes nähergebracht.


Holztiere demonstrieren die Lebensweise von Waldbewohnern. In Holzkästen darf man Baumrinde, Nüsse und Federn ertasten. Ein Riesenspaß für kleine Abenteurer. Wir großen Abenteurer genießen besonders den grandiosen Ausblick auf den Edersee.
Es lohnt sich ein Kombiticket zu kaufen, das auch den Eintritt in den Wildtierpark einschließt. Man kann dort hinlaufen, oder auch das Auto umparken. Je nach Zeit und Witterung.


Der Wildtierpark ist weitläufig und smart in den Wald integriert. Zum Teil sind die Gehege offen, so dass man hautnah mit einheimischen Waldtieren auf Tuchfühlung gehen kann. Im Tierpark lebt sogar ein Wolfsrudel. Beeindruckende Wesen. Ein Geier ist aus seinem Gehege ausgebüxt und hüpft munter auf den Spazierwegen herum. Tolles, seltenes Erlebnis.



Edersee & Sperrmauer
Die Edersperrmauer ist ein Gigant. Man erreicht sie entweder mit dem Auto und muss etwas außerhalb parken, oder mit dem öffentlichen Bus, den man mit der Bad Wildunger Kurkarte kostenlos nutzen kann.


Auf der Krone der Mauer kann man gemütlich flanieren und die kleinen Segelboote auf dem See beobachten. Zu beiden Seiten des Mauerzutritts befindet sich Gastronomie, so ist auch für das leibliche Wohl gesorgt.



Schloss Waldeck & Schloss Friedrichstein
Schloss Waldeck thront über dem Edersee und je nach Lust und Laune kann man gerne einen Abstecher dorthin machen. Nett, aber unspektakulär.


Mir persönlich gefällt das Schloss Friedrichstein, oberhalb der Bad Wildunger Altstadt besser. Das kleine Café, das man über den Schlosshof erreicht ist so niedlich eingerichtet, dass sich mindestens ein Blick hinein lohnt. Noch besser ist es dort einen hausgemachten Kuchen, und einen frisch aufgebrühten Tee zu genießen. Megalecker und ein guter Grund im Anschluss die Toiletten im ersten Stock aufzusuchen. Ja, tatsächlich: Das stille Örtchen ist ebenfalls mindestens mal einen Blick wert. So so so so so so liebevoll eingerichtet. Voll süß!


Und bevor man erleichtert und verzückt den Rückweg nach unten antritt, sollte man unbedingt kurz die Nase in den blauen Salon stecken. Eine imposante Räumlichkeit für Events und Feiern.



Wandelhallen in Bad Wildungen & Reinhardshausen
Bad Wildungen ist bekannt für seine Heilquellen. Wir schlendern vom Hotel aus durch den Kurpark zur Wandelhalle.


Aus dekorativ übereinandergeschichteten Glasplatten sprudelt Heilwasser. Aus den drei mystisch beleuchteten Säulen daneben kann man sich bedienen und verschiedene Heilwässer probieren. Entschleunigung der besonderen Art.


Und weil es so schön ist, lassen wir die Wandelhalle hinter uns und marschieren weiter Richtung Stadtteil Reinhardshausen. Hier war ich vor Jahren schon einmal zu Besuch gewesen, und erinnere mich lebhaft an ein Café in dem es göttliche Stachelbeer-Torte gibt.


Nachdem wir Hüftgold genossen haben, noch ein Schluck aus der Heilquelle vor Ort, und schon treten wir den Rückweg an.



Bad Wildungen ist nicht nur perfekt gelegen für Ausflüge in die wunderschöne Umgebung, sondern hat selbst unzählige Shoppingmöglichkeiten und abwechslungsreiche Gastronomie zu bieten.
Dieses war bereits mein zweiter Besuch, und der Dritte ist schon für das nächste lange Wochenende im Oktober geplant. Wiederkommen ist vielleicht die beweiskräftigste Empfehlung für eine Region.


AIDA? Nur noch als Oper!


Im schmalen Gang herrscht Gedränge. Eine ältere, gebückt laufende Dame mit grauem, dauergewelltem Haar versucht mit der Menschenmenge Schritt zu halten. Von hinten bahnt sich ein Mann eilenden Schrittes einen Weg durch die Masse. „Entschuldigung. Darf ich mal durch?! Entschuldigung. Danke.“ erhebt er seine Stimme über das brodelnde Gemurmel der Horde. Beinahe hat er die Dauerwellen-Oma eingeholt. Sie wirft einen hektischen Blick über die Schulter, und gerade, als er rechts an ihr vorbei hechten möchte, holt sie mit dem Ellenbogen aus, und verpasst ihm einen herben Stoß in die Magengrube. Ein erneutes „Entschuldigung darf ich durch?!“ bleibt dem Mann im Halse stecken. Er klappt zusammen wie ein Schweizer Taschenmesser, und taumelt gegen die Wand, um dort nach Atem zu ringen.

Ob diese Szene vielleicht aus einem schlechten Action-Thriller stammt, und warum sie sich in meinem Reise-Blog findet, erfährst Du hier:

Ein Sektchen in Ehren

Mehrere Tausend Menschen auf engstem Raum. Morgens, wie Heuschrecken über ein Fleckchen Land herfallen, und abends -nach mir die Sinnflut- das Weite suchen.

Meine Vorstellung einer Hochsee-Kreuzfahrt hat gemeinhin nichts mit reisen oder Urlaub zu tun, sondern hat eher etwas von einem Alptraum.

Freunden und Kollegen, die mir mit leuchtenden Augen von ihren grandiosen Reisen auf den AIDAs dieser Welt berichtet haben, konnte ich bisher nur Unverständnis entgegen bringen. „Jetzt hör auf zu unken. Nur Versuch macht kluch. Es ist alles ganz anders, als du denkst. Die vielen Menschen verlaufen sich auf so einem Schiff. Du siehst innerhalb kürzester Zeit ganz viel von der Welt. Das ist wie Rundreise, nur ohne ständigen Hotelwechsel. Das wird dir gefallen.“ Meine Freundin klingt bestimmt und wedelt mit den Reiseunterlagen zu meiner ersten AIDA Kreuzfahrt vor meiner Nase herum. Mir ist nicht wohl dabei, aber ich nicke. Amen. So soll es sein. Ich trete meine erste AIDA Kreuzfahrt an.




Der Flug Frankfurt Venedig dauert nur 45 Minuten. Das Verteilen auf die Busse vom Flughafen Venedig zum AIDA Hafen-Terminal dauert rund eine Stunde. Das Einchecken auf die AIDA (Gesundheitsfragebogen, Kabinen-Zuweisung etc) rund eineinhalb Stunden. Hektische, drängelnde Touristen. Lange Schlangen. Ich bin genervt, bleibe aber ruhig, und vertraue auf die Worte „Das wird dir gefallen.“.



Die billigste Innenkabine ist geräumiger als erwartet und ich fühle mich auf Anhieb wohl.




Zeit mein Getränkepaket „Softdrinks, Wein, Sekt, Bier, antialkoholische Cocktails und Kaffee/Tee“ in Anspruch zu nehmen. An der Ocean-Bar bestelle ich freudestrahlend einen Sekt auf Eis und halte dem Barkeeper meine Kabinen-Karte und die Comfort-Karte, die mich als vermeintliche Schnapsdrossel ausweist, entgegen. „Sorry Mam. No Sekt auf Eis. Only Sekt mit Eis for Comfort-Card.“. Aha. Ich blicke ratlos, und der Mann hinter der Bar erklärt mir geduldig, dass ich für mein gebuchtes Getränkepaket kein 200ml Glas mit Eiswürfeln und Sekt bekomme, sondern nur ein kleines (100ml?) Sektglas mit zwei Eiswürfeln. Darüber kann ich herzhaft lachen. Kleiner Scherzkeks. Typisch Barkeeper eben. Immer zu Scherzen mit dem Gast aufgelegt. Mh… der Mann hinter dem Tresen blickt mich ernst an, fackelt nicht lange, und drückt mir ein kleines Sektchen mit zwei Eiswürfeln in die Hand. Aha. Der meint es ernst. „Aber das ist doch albern. Dann bestelle ich doch einfach noch ein zweites Glas. Worin liegt denn in dieser Vorgehensweise der Sinngehalt?“ Mr. Barkeeper ignoriert mich und wendet sich dem nächsten Gast in der langen Schlange, die sich hinter mir gebildet hat, zu. Ich leere den Schluck Sekt in einem Zug, und stelle mich wieder hinten in der Schlange an. Ich bin genervt.

Gegen Abend laufen wir aus Venedig in die Adria aus. Grandios! Das lila Licht senkt sich über die Stadt. Der Markusplatz zieht links am Schiff vorbei. Hach. Ich bin glücklich.



Seetag

Beim Frühstück am anderen Morgen herrscht hektisches Gedränge. Der ein oder andere Rollator fährt mir am Büffet in die Hacken. Kann ja mal passieren. Was stehe ich auch so doof im Weg rum?!

Draußen, auf Deck, gleißender Sonnenschein. Strahlend blauer Himmel. Tiefblaues Meer. Das Schiff ein Ameisenhaufen. Liege an Liege. Stuhl an Stuhl. Jeder Quadratzentimeter mit sonnenanbetenden Kreuzfahrern belegt. Die Worte meiner Friseurin fallen mir wieder ein „Am Seetag stellst du dir am besten morgens einen Wecker, und reservierst vor dem Frühstück eine Liege.“ Damals hatte ich energisch den Kopf geschüttelt und leicht arrogant „Bevor ich so tief sinke, stehe ich lieber den ganzen Tag.“ zurückgegeben. Langsam frage ich mich aber, ob ich nicht besser ab und an auf gut gemeinte Ratschläge hören sollte. Meine Freundin und ich flanieren gelassen über das Schiff und unsere Augen scannen die Decks nach freien Liegeplätzen. Keine Chance. Wir gönnen uns noch einen Kaffee an einer Bar (tatsächlich bekomme ich mit der Comfort-Karte meines gebuchten Getränkepakets eine ganze Tasse Kaffee … keinen Fingerhut voll) und legen eine kleine Fotosession auf Deck ein. Eine Weile beobachten wir das bunte Treiben am Pool, und sehen uns die Vorstellung der Offiziere und des Kapitäns auf der Außenbühne an. Langsam möchten wir aber wirklich mal irgendwo sitzen. Nix frei. Also gut. Schauen wir mal, was es so zu Mittag im Restaurant gibt. Hunger haben wir noch keinen, aber es gibt tatsächlich ein paar freie Sitzplätze. Nach Tisch versuchen wir unser Glück nochmals auf Deck. In der Tat entdecken wir einen ungefähr drei Quadratmeter großen, freien, schattigen Fleck zwischen all den, mit Handtüchern belegten Liegen. Geschickt bugsieren wir zwei Stühle auf die freie Fläche, lassen uns zufrieden lächelnd nieder und schlagen beide unsere Bücher auf. Der Mann auf der Liege zu unseren Füßen hebt kurz den Kopf, blinzelnd gegen die gleißende Sonne und brummelt etwas unfreundlich klingendes. Ich lächle freundlich. Ich bin glücklich.




Der Mann auf der Liege dreht sich unmutig von links nach rechts. Scheint, als würde es ihm ein bisschen warm werden in der Sonne. Er rappelt sich von der Liege hoch und sieht sich suchend um. Ich betrachte ihn freundlich interessiert. Mit einer prolligen Kinnbewegung signalisiert er mir, dass seine folgenden Worte an mich gerichtet sind. „Der Platz da. Im Schatten. Da will ich jetzt die Liege hin ziehen. Da haben sie nicht zu sitzen.“ Aha. Mein freundliches Lächeln erstirbt. Meine Freundin senkt in Zeitlupe ihr Buch und findet vor mir einen Weg aus der Sprachlosigkeit. „Da haben sie wohl vergessen, den wenigen Platz um ihre Liege herum auch noch mit Handtüchern zu markieren. Jetzt sitzen wir hier.“ Das krebsrote Sonnenbrand-Gesicht des Herrn verfärbt sich noch dunkler, und eine Ader beginnt auf der fettig glänzenden Stirn zu pochen. Das wäre ja eine Unverschämtheit, beschimpft er uns laut. Zwei fette Kühe wie wir hätten ihm nicht seinen Schatten weg zu nehmen. Aha. Eigentlich schätzen meine Freundin und ich eine niveauvolle Unterhaltung. In diesem speziellen Fall, senken wir einfach peinlich berührt unsere Blicke in die Bücher und lassen den bierbäuchigen Mann einer Herzattacke entgegen zetern. Ich bin genervt.

Selbst die übliche Diskussion mit dem Barkeeper, ob ich zum Abendprogramm im Theatrium einen Sekt auf Eis, oder ein Sektchen mit Eis bekomme, muntert mich nicht wirklich auf.



Es ist alles ganz anders als du denkst

Die Sonne strahlt. Blauer Himmel. Ein warmer Wind weht mir um die Nase. Neuer Tag, neues Glück. Das Schiff hat im Hafen von Korfu festgemacht. Ich bin glücklich.

Wir haben Ausflug gebucht und stehen zur verabredeten Zeit bereit zum Landgang. Wir und mehrere Hundert Mitreisende ebenfalls. Schlange stehen. Alle Ausflügler werden auf unterschiedliche Busse verteilt. Es wird gedrängelt was das Zeug hält. Ähnlich wie beim Einsteigen ins Flugzeug. Könnte ja sein, dass es zu wenige Sitzplätze hat. Ich rolle innerlich die Augen und schüttele den Kopf.

Eine Kolonne von drei Bussen bricht auf zur großen Inselrundfahrt auf. Die anderen Busse nehmen andere Wege zu anderen Ausflügen.

150 Menschen, in drei Bussen umrunden die Insel. Zuerst besuchen wir ein Kloster. Die Reiseleiterin redet und redet und redet, und packt all ihr Wissen über Geschichte, Geographie, Botanik, Zoologie, Mythologie und sonstige -logie über Griechenland im Allgemeinen und Korfu im Speziellen in diese wenigen Stunden Ausflug. Es gibt einen Pausen-Stopp und nachmittags einen kleinen Spaziergang.

Am Abend, an der Reling mit einem Sektchen mit Eis in der Hand, verschwindet Korfu langsam am Horizont. Irgendwie fühlt es sich an, als hätte ich eine informative Dokumentation über Korfu im TV gesehen. Wirklich erlebt habe ich die griechische Insel nicht. „Ich war auf Korfu.“ ist zwar eine Tatsache, aber auf der anderen Seite auch maßlos übertrieben. So, als hat man mit dem Flugzeug eine Zwischenlandung in einem exotischen Land, verlässt das Flughafengebäude nicht, behauptet aber zuhause trotzdem „Ich war Daundda.“.

Alle haben gesagt „Es ist alles ganz anders als du denkst.“. Aber in Wirklichkeit ist es genauso wie ich es mir vorgestellt habe. Ich fahre auf einem Schiff, aber ich erlebe keine Länder oder Kulturen. Das ist wie zuhause auf der Couch liegen und Reise-Doku schauen. Ich bin genervt (weil ich es echt hätte besser wissen müssen!).



Der Tourist, der ich nie sein wollte

Nächster Halt Bari in Apulien. Wir haben wieder einen Ausflug gebucht. Was ist denn die Alternative? Auf dem Schiff bleiben? Ins nächste Hafen-Cafe setzen? Mit einem Mietwagen losfahren, eine Reifenpanne haben, und die Abfahrt des Schiffs versäumen?

Das Trulli-Dörfchen Alberobello liegt rund zwei Stunden Busfahrt im Landesinneren. Beschaulich haben es seine Bewohner an kleinere Hügel gebaut. Ein Anblick wie auf einem Gemälde.




Sechs Busse mit je rund 50 AIDA-Touristen steuern den Busparkplatz an, stürzen fast alle zeitgleich aus den sich öffnenden Fahrzeugtüren und laufen wie ferngesteuerte Zombies hinter einem Fähnchen mit der Busnummer her. Die Reiseleiterin, die das Fähnchen tapfer vor sich trägt, versucht erst gar nicht auf die letzten zu warten, die schnell nochmals zur Toilette wollen (Was geht schon schnell, wenn Hunderte Menschen zur Toilette wollen?). Sie stapft beherzt Richtung Ortszentrum. Es wird wieder munter gedrängelt und geschubst. Die ältere Dame, die vor uns läuft japst jetzt schon nach Luft und hinkt mit jedem Schritt merklich mehr. Sie kann kaum noch Schritt halten, und bis unser Schwarm sich im Ortskern schwirrend um das Fähnchen Nummer fünf versammelt hat, kann ich sie schon nicht mehr ausmachen.



Die Reiseleiterin glänzt nochmals mit ein paar interessanten Information, um uns dann in die angekündigte Freizeit zu entlassen. Natürlich nicht, ohne uns vorher den Abfahrtszeitpunkt der Busse einzubläuen.

Langsam verläuft sicher der AIDA-Heuschrecken-Schwarm im beschaulichen Örtchen Alberobello. Eigentlich bin ich glücklich. Eigentlich wollte ich nie ein Heuschrecken-Tourist sein. Eigentlich sollte ich genervt sein.


Der Showdown

Nun aber zur eingangs erwähnten Action-Szene: Soeben wurden die AIDA Gäste, die nach Düsseldorf und Berlin fliegen zu den Transfer-Bussen gebeten. So entstand das tumultartige Gedränge, durch das sich ein Mann zur Toilette schieben wollte, als er von der unschuldig aussehenden, älteren Dame vom allerfeinsten in die Magengrube gerammt wurde. Er taumelt gegen die Wand, um dort nach Atem zu ringen. An dieser Wand stehe ich. Und genau genommen ist der arme Kerl auf mich drauf gefallen, und hat mir dabei doch ganz schön weh getan. „Was machen sie denn?“ fahre ich die dauergewellte Dame an. „Sie können den Mann doch nicht einfach schlagen! Das ist Körperverletzung.“ „Der wollte sich vordrängeln.“ gibt sie uneinsichtig und mit fester Stimme zurück

Echt jetzt?! Ich fasse es nicht! Das ist wirklich die Krönung meiner Acht-Tage-AIDA-Experience. Ich bin nicht mehr nur genervt, sondern schockiert!



Mein ganz persönliches Fazit

Es mag sein, dass das Publikum auf anderen, evtl hochpreisigeren AIDA Reisen über RTL II Niveau liegt. Es mag sein, dass ich zu kritisch bin. Es mag sein, dass die Geschmäcker verschieden sind. Aber Fakt ist, dass ich in meinem Bewertungsbogen zur Reise einen freundlichen, konstruktiven Vorschlag zur Verbesserung des Getränkepaketes gemacht habe, und genau null Feedback der Reederei zurückkam. Nicht mal ein Standardbrief „Danke. Wir haben ihr Gemecker erhalten, und freuen uns auf die nächste Reise mit Ihnen.“ Nix. Gar nix. Es mag sein, dass andere Reedereien (MSC, TUImeinSchiff etc) anderes Publikum anziehen und besser organisiert sind. Aber Fakt ist, dass ich das nie herausfinden werde, weil diese Art Kreuzfahrt für mich nicht mehr in Frage kommt.

Ich bin mit einem kleinen Schiffchen über den Nil geschippert, war auf dem Tonle Sap und Mekong unterwegs und habe mir mit zehn anderen Reisenden ein kleines Bötchen auf dem Amazonas geteilt. DAS lasse ich mir gefallen. Ein schwimmender Plattenbau, der so viel Schweröl verbrennen, dass sein Schadstoffausstoß dem CO2 von fünf Millionen PKW entspricht, kann mir künftig gestohlen bleiben.

SCHOTTISCHE Sünde


S c o n e s !
Kleine, bröckelige Milchbrötchen, die auf der Britischen Insel zum Cream Tea mit Doppelrahm und Marmelade genossen werden.
In Schottland habe ich mir fast jeden Tag so eine kleine Sünde gegönnt und bin der typische Britischen Delikatesse völlig verfallen.
Was liegt also näher, als zuhause die wenigen, einfachen Zutaten zusammen zu mischen und selber warme, duftende Scones zu fabrizieren?

Im Internet wimmelt es von Scones-Rezepten. Ich habe mir dieses hier ausgesucht: 400g Mehl, 60g Butter, 170ml Vollmilch, ein Pack Backpulver, 50g Zucker, eine Prise Salz und ein Eigelb zum Bestreichen.
Mehl, Backpulver, Zucker und Salz vermenge ich locker mit den Händen. Dann knete ich die wenige Butter unter. Jetzt nur noch Schluck für Schluck die Milch unterkneten, bis der Teig sich vom Schüsselrand löst.
Den Teig auf einer bemehlten Fläche grob flachdrücken, bis er rund 2cm dick ist. Mit einem Förmchen, einem Glas oder einer Tasse die Scones Rohlinge ausstechen. Bei mir sind es genau zehn Stück geworden.
Mit Eigelb bepinseln und bei 180 Grad 15 bis 20 Minuten goldbraun backen.


Am allerbesten schmecken sie warm. Einfach und genial.

Clotted Cream ist in Deutschland leider nicht an jeder Ecke zu bekommen. Deswegen greife ich auf Sahnequark (der kann zwar "nur" mit 40% Fett punkten, ist mir aber lieber als Creme Double) zurück.
Einen Scone mit Hingabe auseinanderbrechen, Sahnequark aufstreichen und mit (Erdbeer-) Marmelade krönen.


Ob der Tee zwischenzeitlich fertig gezogen ist, ist völlig egal. Nicht warten. SOFORT genießen ... alles andere wäre eine Qual.

Cheers 'nd enjoy!

SCHOTTLAND: Ein Land lebt liebenswerte Klischees


Schottland assoziiere ich mit wildromantischen Steilklippen an die unermüdlich Meeresgischt klatscht, sattgrünen Wiesen auf denen Galloways freundlich in die Touristen-Kamera widerkäuen, düster mysteriösen Seen mit Wasserdrachen und hünenhaften Männern in karierten Röcken, die allesamt entweder Dudelsack spielen oder Baumstämme durch die Gegend werfen, um im Anschluss Whiskey als Grundnahrungsmittel zu sich zu nehmen.
Ob Schottland tatsächlich all diese Klischees bedient, oder ob ich mich von dem ein oder anderen Vorurteil trennen muss, will ich während einer Stippvisite im Norden des Vereinigten Königreichs herausfinden.

Völlig fokussiert darauf meine Klischee-Liste gedanklich abzuhaken, überrascht mich Schottland mit unerwarteten Highlights:


Gänsehaut in Edinburgh

„Ghost Tour“ wird an fast jeder Ecke in Edinburgh angepriesen. So wirklich kann ich mir nichts darunter vorstellen, bin aber wahnsinnig neugierig auf diese Art der Stadtführung, und halte ratzfatz ein Ticket für rund zwanzig Euro in meinen Händen.

Treffpunkt der Englischsprachigen Ghost-Tour, ist um 22 Uhr auf dem Platz vor der St. Giles Kathedrale. Eine junge Studentin, in mittelalterlichem Gewand stellt sich jedem einzelnen Tour-Teilnehmer als Martina aus Prag vor. Drei Amerikanerinnen erwähnen bei dieser Vorstellungsrunde, dass sie sich auf viel Spaß während der Tour freuen. Daraufhin schimpft Martina theatralisch ihren schwarzen Umhang schwenkend „Ich bin ein Geist. Ich bin nicht hier, um euch Spaß zu bereiten.“. Noch lacht die Gruppe.


Gemütlich setzen sich die rund zwanzig Personen aller Nationalitäten in Bewegung. Zuerst durch die kleinen, engen Gassen von Edinburgh. Martina erzählt auf einzigartig witzige und humorvolle Art und Weise etwas über das Leben im Mittelalter und geschichtliche Eckdaten in und um Edinburgh. Dabei bezieht sie immer wieder einzelne Teilnehmer der Gruppe mit in ihre anschaulichen Berichte mit ein. Es dauert keine zehn Minuten, da habe ich die ersten Lachtränen in den Augen stehen.

Irgendwann steigen wir dann gemeinsam in die Katakomben unter den Brückenpfeilern der Stadt hinab. Es ist dunkle, eng und kalt. Die niedrigen Räumchen sind kaum künstlich beleuchtet. Einzig die flackernde Kerze, die unser Tour-Guide (oder sollte ich sagen Tour-Geist) vor sich herträgt, erhellt den Weg und unsere Gesichter.

Martina beginnt die interessanten Berichte über die Entstehung und Verwendung dieser Katakomben mit Geschichten über paranormale Phänomene, die hier immer wieder beobachtet werden, zu vermischen. Die Gruppe wird immer stiller, die Anspannung ist deutlich zu spüren. Macht sie Spaß, oder meint sie das ernst? Wurden wirklich schon Fotos vom Geist gemacht, der den Besucher-Gruppen folgt, und auch immer mal einen kalten Windhauch über die Nacken haucht, um sich bemerkbar zu machen?


Realität und Fiktion vermischen sich. Geht es hier überhaupt um Fiktion, oder sind die schaurig gruseligen Geschichten über Geistererscheinungen in den Katakomben Wirklichkeit? Ich schmunzele zwar immer noch über die humorvolle Art und Weise der Erzählungen, bekomme aber einen Gänsehautschauer nach dem andere über den Rücken gejagt. Verdächtig oft, blicke ich über meine Schultern nach hinten und sehe zu, möglichst mit dem Rücken an der Wand zu stehen.

Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, als die Tour nach zwei Stunden beendet ist, obwohl ich diese superlustige, spannend-gruselige Art der Stadtführung jederzeit wieder machen würde. Und genau aus diesem Grund möchte ich auch gar nicht mehr wissen, ob die Geistergeschichten wahr sind. Besser ist das.

Absolut empfehlenswert!


Tölpel, so weit das Auge sieht

"Bass Rock" klingt wie Musik in meinen Ohren. Dabei ist mit "Bass" in diesem Fall keine Gitarre, und mit "Rock" kein "Rock n Roll" gemeint.
Bass Rock ist ein Felsen vor der Küste vor North Berwick. Hier ist jeder Quadratzentimeter von nistenden Meeresvögeln besiedelt.

Mit einem kleinen Boot kann man vom Hafen aus eine kleine Rundfahrt um den Felsen buchen.
Spektakulär!


Schon von weitem schalten alle Sinne auf Vogelbeobachtung. Es riecht streng nach Vogeldung, die Geräuschkulisse ein einziges Gekrächze, Geschreie und Zetern. Je näher man kommt, um so unwirklicher erscheint das winzige Eiland. Vogel an Vogel wimmelt die Oberfläche vor Leben. Aktuell brüten wunderschöne Tölpel. Herrliche Tiere mit überdimensionierten Füßen, langen Schnäbeln und cremefarbenem Gefieder. Um die Augen eine filigrane Zeichnung.
Ich bin begeistert und zutiefst beeindruckt. Dieser Ausflug ist zwar nicht besonders abwechslungsreich, dafür aber unvergesslich.



Ein Pfiff sagt mehr als tausend Worte

Ein Ausflug zu einer „Hütehunde Vorführung“. Innerlich rolle ich die Augen, in Erwartung einer typischen Touristen-Show.

Als ich dann aber bei Nieselregen auf einer matschigen Wiese stehe, komme ich mir gar nicht vor wie auf einer touristischen Massenveranstaltung. Wir sind zwar rund dreißig Leute, die Mitten im Nirgendwo auf einer Weide stehen und hingerissen die zwölf Hütehunde und ihre sechs Welpen beobachten, aber es fühlt sich nicht nach Butterfahrt an.


Die Hütehunde überschlagen sich mit Unterwürfigkeits-Gesten, als der Schäfer die Szene betritt. Ein großer, hagerer Mann mit Cordhose und Karohemd. Er erklärt kurz und professionell ein paar Eckdaten zu den Tieren und wie lange die Ausbildung dauert. Dann lässt er Taten sprechen … äh … genau genommen wird ab jetzt nur noch gepfiffen. Per „Pfeifsprache“ instruiert der Schäfer einzelne Hunde eine kleine Herde Schafe zur interessierten Touristen-Schar zu treiben. Nach ein paar hohen Pfiffen aus dem Mundwinkel und einigen dumpferen Stakkatos auf vier Fingern, flitzt ein einzelner Hund pfeilschnell ans andere Ende der Weide und verschwindet hinter dem Horizont. Es dauert ein paar Minuten bis die ersten Schafköpfe am Horizont erscheinen. Die Touristen-Menge raunt. Tatsächlich, ein einzelner Hund hat ein paar Schafe zusammengetrieben, umkreist sie permanent und treibt sie so Meter für Meter zu uns hin. Der Schäfer scheint zufrieden. Er kniet nieder, gibt ein paar erneute Pfiff-Kommandos und zwei weitere Hunde schießen los, um ihr Rudelmitglied bei der Arbeit zu unterstützen.


Ich bin -ehrlich gesagt- sprachlos. Spätestens seit „Ein Schweinchen namens Babe“ weiß jeder welche Grund-Aufgaben ein Hütehund zu erledigen hat: Eine Herde zusammentreiben, einzelne Tiere aus der Herde separieren, die Schafe in ein Gatter laufen lassen. Dass das aber alles quasi nonverbal, durch Pfiffe kommandiert wird, beeindruckt mich noch mehr. Schäfer und Hunde kommunizieren nur durch Blicke, Handzeichen und diese ungewöhnliche Pfiffsprache. Ein grandioses Schauspiel.

Unbedingt anschauen!


Das Ding im See

Erneut in Erwartung einer typischen Touristen-Show nehme ich meinen Platz auf einem Boot ein. Ein Boot, ausgestattet mit Sonar. Ein Boot auf dem Loch Ness.


Das kleine Schiffchen legt ab, und jeder beobachtet gespannt die Bildschirme in den Ecken des Schiffdecks. Monochrom stellt sich hier der Bode des Sees dar.


Ein junger, sympathischer Mann stellt sich als Marc vor. Er erklärt humorvoll und kurzweilig die Entstehungsgeschichte und die geographischen und geologischen Besonderheiten des tiefen, kalten Sees, um den sich so viele Mythen ranken.

Nachdem Marc die Fakten zum See in spannende Anekdoten verpackt zum Besten gegeben hat, kommen wir endlich auf das zu sprechen, weswegen wir alle hier sind: Nessie!


Amüsiert schmunzelnd zählt der freundliche Guide diverse Theorien zum mutmaßlichen Seeungeheuer auf. Dann wird er plötzlich ernst und leitet mit theatralischer Stimme die -seiner Meinung nach- wohl wahrscheinlichste Theorie zum Ungeheuer von Loch Ness ein: Eishaie! Riesige, eigentlich um Grönland lebende Fische, die vor der Eiszeit im See eingekesselt worden sein könnten, und sich im Laufe der Evolution von Salz- zu Süßwasser-Fischen entwickelt haben könnten.

Tja… vermutlich werden wir es nie erfahren.

Eine kommentierte Fahrt auf dem See lohnt sich auf jeden Fall. Spaßfaktor „zehn von zehn“.


Also gut:

Schottland hat alle Klischees, die ich im Kopf hatte bedient, aber dann auch irgendwie übertroffen.

Whiskey ist DAS Nationalgetränk und an jeder Ecke gibt es eine Whiskey-Destillerie.


Haggis schmeckt viel viel besser als man es sich gemeinhin vorstellt. Und an wenigen Orten dieser Welt habe ich so herrliche Patisserie und Desserts kosten dürfen.


Hünenhafte Männer in karierten Röcken sehen kein bisschen albern aus, sondern strahlen die typische (leicht erotische) Souveränität von Männern in Uniform aus.


Galloways und Schafe passen perfekt in die grandiose Landschaft der sanften grünen Hügel, die während meiner Reise von endlosen Flecken blühender, pinkfarbener Heide überzogen wurden.


Schottland ist wunderwunderwunderschön und sehenswert. Altertümliche Städte, pittoreske Fischerörtchen, gruselige Burgruinen, außergewöhnliches Essen, freundliche, humorvolle Menschen und beeindruckende Landschaften. Schottland hat es in meine persönliche Top 10 der Lieblings-Reiseziele geschafft.