MEXIKO: Vorfreude und Nachwehen

Es ist warm. Die Meeresbrise schmeckt nach Salz. Wie bei einer Parade stehen Hunderte Menschen aufgereiht am Strand. Unzählige Augenpaare scannen die Wasseroberfläche der Lagune. Dann bricht das Blau. Ein gigantischer Körper schießt aus dem Meer. Die Verschlüsse sündteurer Teleobjektive klicken im Akkord. Der gigantische Grauwal klatscht mit einem spektakulären „Kawoom“ auf das Wasser und taucht wieder ab.

So, ganz genau so habe ich mir meine Walbeobachtung in der Baja California vorgestellt. Und die Beschreibung des Pauschalreiseveranstalters verspricht den hautnahen Kontakt mit den sanften Riesen.

Im Internet stoße ich auf eine Pauschalreise „Nord-Mexiko: Baja California“. Die Bilder auf der Website zeigen Touristen in einem kleinen Boot, wie sie zaghaft den Kopf eines Wals berühren, der förmlich ins Boot zu kriechen versucht.

Reisebeschreibung und -verlauf lesen sich wie die Abschrift meines persönlichen Wunschzettels: ausgiebige Walbeobachtungen an der Pazifikküste, hautnahe Begegnungen mit den Meeressäugern in den Buchten und Lagunen der Baja. Die bis zu 18 Meter langen Grauwale mit ihren Neugeborenen seien friedlich und neugierig – oft schwämmen sie unmittelbar an die Boote heran. In der Lagune Ojo Liebre lieferten sich die Bullen zudem gerne Wettkämpfe im aufgewühlten Wasser des Pazifiks.

Diese Reise wird ganzjährig angeboten, und auf einer der beschreibenden Seiten findet sich dieser Satz: „Bitte beachten Sie: Außerhalb der Walbeobachtungssaison (Anfang April bis Mitte Januar) werden die Walbeobachtungen durch andere Naturbeobachtungen ersetzt.“

Die gleiche Beschreibung schickt mir der Veranstalter zusammen mit den anderen Unterlagen wenige Wochen vor der Abreise als Ausdruck zu. Keine saisonale Anpassung, kein Hinweis darauf, dass Walbeobachtungen bei einer Abreise Anfang November faktisch unmöglich sind.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Ich sehe ganz genau KEINEN einzigen Wal auf meiner Rundreise über die Baja California.

Zwölf Stunden Flug.

Ein mehrere Tausend Euro großes Loch in der Reisekasse.

Ein (vorerst) zerplatzter Lebenstraum.

Und … eine wunderschöne Reise.

Ich bin zwar enttäuscht, keinen Meeressäuger zu Gesicht bekommen zu haben, genieße aber den absoluten Luxus einer Privatreise (es gibt einen Guide, einen Fahrer und nur eine weitere Mitreisende) durch grandiose Landschaften und an einsamen Stränden.

Ich weiß wohl, dass es nie eine Garantie für Tiersichtungen gibt. Dennoch ist es mir ein Bedürfnis, den Veranstalter freundlich auf die aus meiner Sicht irreführende Reisebeschreibung aufmerksam zu machen. Es müsste doch ein Leichtes sein, zwei Reisen zu vermarkten: eine in der Walsaison und eine außerhalb der Walsaison. Wo ist das Problem?

Also schreibe ich eine Mail an den zuständigen Sachbearbeiter des Veranstalters, bei dem ich im Laufe der letzten Jahre einen fünfstelligen Betrag für diverse Reisen bezahlt habe. Keine Mecker-Zeter-Ich-will-Geld-zurück-Mail. Nein, ein freundlicher, konstruktiver Vorschlag, die Reisebeschreibung etwas zu überarbeiten und die Grenzen zwischen „Zu dieser Zeit sieht man Wale“ und „Zu dieser Zeit sieht man definitiv keine Wale“ klarer abzustecken.

Mit Disney-Filmen aufgewachsen und immer an das Gute im Menschen glaubend, reichen meine Prognosen über die Reaktion des Veranstalters von „Tja. Pech gehabt.“ bis hin zu „Es tut uns so leid. Wir erstatten Ihnen 10 % des Reisepreises.“ 

Das tatsächliche Feedback auf mein Schreiben überrascht mich dennoch. Damit hatte ich in meinen kühnsten Prognosen nicht gerechnet: Nix … Die Reaktion war genau nada, niente, zero.

Bisher war ich milde gestimmt und von dem Willen angetrieben, möglichst Karma-Punkte zu sammeln. Jetzt aber bin ich stinksauer.

Es mag sein, dass es die Deutsche Eiche so grad gar nicht stört, wenn sich eine Wildsau an ihr schrubbt. Aber künftig werde ich mich an weniger ignoranten Eichen schubbern und bei DIESEM Veranstalter nicht mal mehr ein Busticket buchen. Ist ja nicht so, dass nicht genügend andere Bäume im hart umkämpften Reise-Wald wachsen würden.

Und trotz allem zehre ich von den Erinnerungen an eine überraschende, wunderschöne Reise. Die Wale fehlten, aber Mexiko hatte mehr als genug Abenteuer auf Lager. Mit welchen Geschöpfen ich anstelle der Wale auf Tuchfühlung gegangen bin und was meinen Blick auf Mexiko nachhaltig zurechtgerückt  hat, erzähle ich in "Baja California: Abenteuer statt Vorurteile".

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