UGANDA: Das dämlichste Souvenir überhaupt

Uganda. Ein Wort, das bei mir sofort die Play-Taste meines inneren Rekorders drückt. Wilde Tiere, atemberaubende Landschaften, unvergessliche Begegnungen. Und ein Souvenir, auf das ich liebend gern verzichtet hätte.

Wie es dazu kam? Nun ja …

Attacke!

Der Spaziergang durch den botanischen Garten von Entebbe fühlt sich an wie ein Bummel über einen fremden Planeten. Handtellergroße Spinnen, Blüten wie umgestülpte Gummisaugnäpfe, Früchte wie Kanonenkugeln. Science-Fiction zum Anfassen! Kleine Äffchen sind gierig auf mitgebrachte Erdnüsse und stibitzen sie vorsichtig aus der ausgestreckten Hand.

Der Guide biegt um eine Ecke, dreht aber auf der Hacke um, murmelt etwas von „… attack mode“ und schubst die Gruppe freundlich und bestimmt in eine andere Richtung. Kein bisschen neugierig hake ich nach: „What attack mode?“ – „Ants“, lautet die knappe Antwort. Ameisen? Sein Ernst? Ich bin überzeugt, ich hätte mich verhört, wage es aber nicht, ihn noch einmal von seinen Erklärungen zur Fauna abzulenken.

Immer noch grübelnd, was er gemeint haben könnte, trotte ich hinter ihm her, und wie zufällig fällt mein Blick nach links. Einige Meter entfernt liegt der Weg, den wir eigentlich hätten nehmen wollen. Schwarzer Boden. Wabernde Erde. Es sieht aus, als hätte jemand über eine riesige Fläche Teer um ein Gebüsch ausgegossen. Ich blinzele, schaue noch einmal hin, blinzele wieder. Oh …! Jetzt weiß ich, was er mit „Ants“ und „Attack Mode“ gemeint hat. Jep … gute Entscheidung, da nicht langzulaufen. Über diesen breiten Fluss aus Millionen fiesen Beißwerkzeugen hätte es keiner von uns unbeschadet geschafft. Eins zu null für die Ameisen!

Kröte in der Schüssel

Morgens in der Zeltlodge in Jinja tapse ich verschlafen in mein kleines Bad. Meine Brille mit ihren glasbausteindicken Gläsern landet auf dem Waschbecken, meine Nachtwäsche auf dem Klodeckel und die Zahnbürste in der Backentasche. Der Wasserhahn quietscht und die ersten kalten Wassertropfen klatschen auf die Fliesen. Ich gebe der Wassertemperatur eine Chance und schlüpfe mutig unter den Strahl, als das Wasser lauwarm wird.

Gerade als ich nach der Seife greifen will, ist mir so, als hätte ich – ohne Brille, fast blind – irgendeine Bewegung in der Duschwanne wahrgenommen. Da, noch einmal. Da bewegt sich ein dunkler Fleck zu meinen Füßen. Hektisch greife ich nach meiner Brille. Kaum sehe ich scharf, kreische ich los. „Bähhhhhhhhhh!“ Die kleine, muntere Kröte an meinen Zehen hüpft lautlos hinter den Toilettenabfluss. Schnappatmung und dann noch einmal: „Bääääääh!“ Also, hier kann nur einer von uns ins Bad!

Bewaffnet mit der gläsernen Obstschüssel vom Begrüßungsteller des Vorabends versuche ich, Frau Kröte mit einem hochprofessionellen „Gsch gsch“ hinter der Toilette hervorzuscheuchen. Nö. Die hat keine Lust. Ich lauere. Sie sieht ihre Chance und hüpft mit zwei Sätzen wieder in die Duschwanne. Patsch! Hab ich dich! Kröte in der Dusche. Obstschüssel über der Kröte, Fuß auf der Obstschüssel und fertig duschen.

Sauber, frisch und angezogen bugsiere ich die nasse, übellaunig dreinblickende Duschgefährtin in der abgedeckten Schüssel nach draußen, in einen abgelegenen Teil des Gartens. Eins zu null für mich!

Pipi unter Hyänen-Aufsicht

Bei einer der unvermeidlichen menschlichen Pausen, mitten im Nirgendwo, befinde ich mich in unmissverständlicher Haltung mit heruntergelassenen Hosen hinter dem Jeep und beobachte versonnen das kleine Rinnsal in der roten Erde (Entschuldigung für das plastische Bild), als ich ein ungewohntes Geräusch höre.

Ich hebe den Kopf. Wenige Meter vor mir wollte eine Hyäne offensichtlich die Piste überqueren, war aber mitten auf dem Weg stehen geblieben. Interessiert blickt sie in meine Richtung. Sie scheint hin- und hergerissen zwischen Abhauen und Näherkommen. Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, ohnmächtig kopfüber in den Staub zu sinken, und dem Wunsch, mit dem Hosenbund um die Knöchel Richtung Autotür zu flüchten.

Das unproportioniert wirkende Raubtier nimmt mir die Entscheidung ab und verschwindet wieder im hohen Gras. Hektisch erledige ich, was noch zu erledigen ist, und hechte aufgeregt ins sichere Fahrzeug. Eins zu null für mich!

Makara beschützt seine Familie

Tage später haben wir in den Bwindi-Bergen endlich die Gorillafamilie Habinyanja aufgespürt. Ihr Familienoberhaupt, Makara, macht uns durch mehrere (Schein-)Angriffe klar, was es von der Anwesenheit der sechsköpfigen Touristengruppe in seinem Revier hält.

Eben noch pflückt der Silberrücken mit spitzen Fingern kleine grüne Blättchen von einem Busch und kaut gemütlich im Kreis seiner Gorillafamilie. Im nächsten Moment springt er auf und rast laut brüllend und Blattwerk werfend auf uns zu.

Vor Schreck wie erstarrt, kaum fähig zu reagieren oder klar zu denken, sehe ich, wie das Familienoberhaupt mit voller Wucht auf uns zustürmt. Zentimeter vor mir bremst Makara ab, dreht um und trottet davon, als wäre nichts gewesen. Mit unmissverständlichen Grunzlauten scheint er seiner Familie zu signalisieren: „Aufbruch. Weg hier!“

Hätte Makara an dem Tag schlechte Laune gehabt und nicht ungefähr einen Meter vor uns auf dem Absatz kehrtgemacht, wäre es kein Problem für ihn gewesen, ein paar Touristenknochen zu brechen. Hätte, wäre, Fahrradkette. Glück gehabt, nichts passiert. OK … unentschieden für Makara und mich.

Hasch mich, ich bin kein Nashorn

Im Rhino Sanctuary in Ziwa stapfe ich im mannshohen Gras einem Guide hinterher. Wir sind auf der Suche nach Nashörnern. Ich erwarte, irgendwann an diesem Tag irgendwo am Horizont unter einer Akazie eines der seltenen Exemplare zu erblicken. Geduldig biege ich Grashalme zur Seite und folge dem Ranger auf dem Fuß.

Er bleibt abrupt stehen und geht einen Schritt zur Seite. Da ist es. Das Nashorn. Fünf Meter vor mir. Es äst gemütlich und blickt erst auf, als es das Geräusch einer weglaufenden Touristin hört. Behände setzt sich das 800-Kilo-Nashorn in Bewegung. Mir hinterher.

Der Guide ist leicht genervt. Schließlich lautete das Briefing: „Niemals vor einem wilden Tier weglaufen. Du wirst dieses Wettrennen verlieren. Immer die Ruhe bewahren.“ – „Hide behind a tree!“, ruft er dem Nashorn und mir hinterher. Witzbold. Wen meint er? Das Nashorn? Mich? Und hinter welchem Baum soll ich mich verstecken? Die sind maximal armdick.

Orientierungslos bleibe ich einen Moment stehen. Und prompt bleibt das Tier stehen. Vermutlich meine Rettung. Na gut … das kann ich noch einmal als unentschieden durchgehen lassen.

Traue keiner Pfütze

Vor meinem Nachhauseflug sitze ich tiefenentspannt auf der Terrasse eines Guesthouses in Entebbe und schwelge gedanklich in abenteuerlichen Erinnerungen. Regenwolken entleeren sich still über dem Victoriasee.

Dann ist er da, dieser unvermeidliche Moment. Das bestellte Taxi biegt in die Einfahrt ein. Wehmütig greife ich meine kleine Reisetasche, um die Fahrt zum Flughafen anzutreten. Nach zwei Schritten rutsche ich in einer Pfütze aus. Filmreif schlittere ich, um Balance ringend, auf den wartenden Taxifahrer zu. Mit lautem „Autsch!“ verliere ich den Kampf ums Gleichgewicht und lande unsanft auf meiner rechten Seite. Die Reisetasche immer noch fest im Griff.

Mein lieber Abholer ist mit einem Satz bei mir, um mir aufzuhelfen. „Are you OK?“ Ich lächle ihn gequält an. „I am OK. I am OK.“ Das ist glatt gelogen. Mein rechter Arm schmerzt, und nach wenigen Minuten hat sich eine fette Beule auf dem Unterarm gebildet.

„You wanna go hospital?“ – „No, no. To the airport, please.“ So sehr ich Uganda auch liebe: Ins Krankenhaus möchte ich hier bitte nicht.

Eins zu null für die Pfütze.

Stunden später, nach einer Zwischenlandung in Dubai, hat Hessen mich wieder. Vom Flughafen Frankfurt steuere ich ohne Umwege das nächste Krankenhaus an. Diagnose: Handgelenk gebrochen. Doof. Saudoof.

Zwei Tage später, in der Schleuse vor dem OP, fragt mich der Anästhesist beiläufig: „Wie ist das denn passiert?“ Ich erzähle ihm von der Hyäne und dem Silberrücken. Beim Nashorn-Wettrennen werden meine Zunge und meine Glieder schwer. Bevor ich meinen eigentlichen Endgegner, die Pfütze, auch nur erwähnen kann, fallen mir die Augen zu.

Als ich die Augen wieder öffne, ist der Bruch operiert. Eine fette Narbe ziert mein Handgelenk.

Das ist wirklich das dämlichste Souvenir überhaupt.

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