VARANASI: Einen Wunsch frei
Tausende Menschen drängen sich dicht an dicht. Tanzende Priester mit wirbelnden Öllampen in ekstatischen Bewegungen. Ohrenbetäubender Gesang, das helle Klingen von Glocken, gekrönt von tiefen, dumpfen Trommelstakkatos. Schwerer Geruch von Schweiß, Knoblauch, Müll und ätherischen Ölen wabert durch die Luft.
Meine Augen sind weit aufgerissen, der Mund steht mir staunend offen. Das Kameraobjektiv im Anschlag, unfähig, den Auslöser zu drücken.
Die Faszination des Fremden, die Aufregung über das Ungewohnte haben mich regelrecht gelähmt.
Dabei sitze ich recht komfortabel in einem kleinen Ruderboot. Der indische Steuermann hält uns mitten in der Strömung des Ganges nahezu auf der Stelle. Direkter Blick auf die Ghats von Varanasi. Eigentlich eine Art Promenade am Fluss, an der ich heute Morgen noch Frauen beim Wäschewaschen und Gläubige bei rituellen Tauchbädern beobachten konnte.
Mit Einbruch der Dämmerung hat sich das triste, bedrückende Grau der Steinstufen und des Flusswassers in ein Inferno der Sinneseindrücke verwandelt.
Jeden Abend ... jeden Abend ... findet hier, an einem der heiligsten Orte des Hinduismus, eine spirituelle Zeremonie zu Ehren der Göttin Ganga, der personifizierten Gottheit des heiligen Flusses Ganges, statt.
Ohnmächtig, auch nur im Ansatz einen passenden Begriff für das Geschehen zu finden, bleibe ich immer wieder am Wort „Spektakel“ hängen. Aber das trifft es nicht im Entferntesten.
Als ich es schließlich schaffe, meinen gebannten Blick auf das Nebengeschehen zu richten, entdecke ich unter den teilnehmenden Pilgern und Touristen Bettler, die auf den Stufen nahe der Wasserlinie kauern. Einigen fehlen Gliedmaßen. Andere verdecken mit Kapuzen ihre von Krankheit entstellten Gesichter. Weiter rechts taucht ein Gläubiger immer wieder im schlammig grauen Wasser unter. Wenige Meter flussaufwärts verschluckt die Dunkelheit den Qualm der schwelenden Leichenfeuer.
Spektakulär!
Ein anderes Ruderboot fährt längsseits. Ein kleines Mädchen mit schüchternem Blick verkauft uns Touristen für wenige Cents kleine Opferschalen. Aus Blättern gefertigt und mit Papier zusammengehalten. Darin einige Tagetesblüten, etwas Öl und ein Docht.
Ein Mitreisender hilft mir, den Docht meiner Opferschale zu entzünden. „Übergib das Opfer der Göttin Ganga und wünsch dir was“, höre ich den Guide sagen.
Ich schaue wieder zu den Ghats. Dürre Menschen, spärlich bekleidet. Bettelnde Kinder. Kühe, die in Müllhaufen auf Plastiktüten herumkauen. Die Überfrachtung mit Eindrücken ist betäubend.
Meine Opferschale gleitet ins Wasser.
„Zu deinen Ehren, Göttin Ganga. Kein Wunsch für mich. Ich bin wunschlos glücklich. Bitte beschütze Deine Kinder.“
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