KANADA: Walfisch zum Frühstück
Das Morgengrauen weicht nur widerwillig einem diffusen Tageslicht. Die Stimmung ist unwirklich. Dunst hält sich dicht über der ruhigen See und schemenhafte Schatten lassen unzählige Inselchen in der Bucht verstreut erahnen. Ungefähr 35 Augenpaare suchen angespannt die Wasseroberfläche ab. Kamera schussbereit. Auch ich stehe an der Reling und fiebere der ersten Walsichtung entgegen. Die junge Biologiestudentin, die enthusiastisch versucht, uns die Sprache und das Sozialverhalten der Orcas anhand von Schautafeln zu erklären, redet gegen eine Front aus entzückenden Rücken in Windjacken.
Der Arm, mit dem ich verkrampft die Kamera halte, wird langsam taub. Die klamme Kälte hat ihren Weg in die Ärmel und den Halsausschnitt meiner Jacke gefunden. Und Hunger habe ich auch. Kein Wal in Sicht? Ich wäge kurz ab. Während die nette Bio-Studentin ein Mikro ins Wasser lässt, „um eine Walfamilie zu orten“, wie sie erklärt, schlurfe ich einige Stufen nach unten, um Frühstück zu orten.
Im Bauch des kleinen Kahns riecht es angenehm nach Kaffee und Süßem. Auf einem Tisch stehen Thermoskannen mit Kaffee, hausgemachte Blaubeermuffins und ein Teller für freiwillige Geldspenden bereit. Ich schnippe zwei Dollar in den Blechteller, freue mich über das lustige Geräusch der rasselnden Münzen, hänge meine Kamera um den Hals und bewaffne mich mit einem großen Pott heißen Kaffees und einem Blaubeermuffin.
Nanu? Ich rudere etwas mit den beladenen Armen, um mein Gleichgewicht zu halten. Scheint, als würde das Boot mehr Fahrt aufnehmen. Es schaukelt heftig.
Auf der Stiege nach oben höre ich Tumult an Deck. Oben angekommen, sehe ich meine Mitreisenden durchaus mit Körpereinsatz um den besten Platz an der Backbord-Reling kämpfen (wieder mal so eine Stelle zum Fremdschämen ... aber gut ... das ist eine andere Geschichte).
Wale.
Ganz offensichtlich wurden Orcas gesichtet und das Boot hat zielstrebig auf die Gruppe zugehalten. Prima! Ich höre die ersten Kameras klicken, während ich immer noch mit einer Kaffeetasse in der linken Hand und einem Muffin in der rechten Hand dümmlich dreinblickend herumstehe. Hektisch blicke ich mich nach einer Ablagefläche für mein Frühstück um. Nix. Na toll! Der Pulk drängelnder Touristen wuselt wild vor meinen Augen herum. Die hinteren Whale-Watcher drängen jetzt nach vorne und versuchen, die aus der ersten Reihe zur Seite zu schieben. „Sie haben doch schon zig Fotos gemacht. Ich will auch mal vor.“
Au weia ... „Diane. Ruhig Blut“, murmelt meine innere Stimme. „Verpiesel dich mal aus dem Boxring, bekomm mal deine Hände frei und dann mischst du mit.“ Siehste. Meine innere Stimme weiß immer, was zu tun ist.
Ich husche auf die andere Seite des Schiffs, beiße große Stücke des Muffins ab und schlinge sie ohne Kauen, dafür aber mit Kaffee verdünnt, hinunter. Gerade als ich den Rest des Muffins verstohlen über Bord befördern will, wundere ich mich über ein seltsames Ding im Wasser. Zuerst glaube ich, es ist ein Plastikkanister. Empört über die potenzielle Umweltverschmutzung hänge ich mich weit über das Geländer, um ausmachen zu können, was das für ein Ding ist. Es wird größer und wirkt seltsam verformt. Die schemenhafte weiße Fläche bekommt rasend schnell Kontur. Mein Unterkiefer klappt herunter. Ich wage kaum zu atmen.
Ein Orca. Ein echter, lebendiger ... ein Orca.
Ein riesiges Tier liegt längs des Bootes dicht unter der Wasseroberfläche. Es hat sich zur Seite gedreht.
Wir blicken uns an.
Das ist doch nicht real? Ich steh doch nicht hier wie eine Vogelscheuche mit ausgebreiteten Armen, Kaffee und Kuchen in den Händen, die Kamera ungenutzt um den Hals baumelnd, und blicke einem Orca ins Auge?
Unsanft bekomme ich zu spüren: Doch, es ist real! Eine Walfamilie scheint unter dem Boot durchzutauchen und reißt die Touristenschar mit sich. Ellenbogen schieben sich in mein Kreuz, Kameras klicken, und als ich unsanft von der Reling weggeschoben werde, kann ich gerade noch sehen, wie der Wal, „mein Wal“, wieder abtaucht.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen