Roadtrip ins Glück
Also, um ehrlich zu sein, habe ich Stunden über einem Titel gegrübelt. Er durfte auf keinen Fall nach Inga Lindström klingen, geschweige denn nach Rosamunde Pilcher. Und doch befand ich mich inmitten einer Szene, die aus der Feder einer der Damen hätte stammen können.
Zwei Tage zuvor hatte ich den Kühlschrank des Campervans gefüllt, Mineralwasser und Rotwein hinter dem Sitz verstaut und Tilla in ihre Box auf dem Rücksitz bugsiert. Dann war ich, durchnässt und genervt, auf den Fahrersitz gesunken.
Der Diesel sprang an. Das war schon einmal etwas.
Die neuen Scheibenwischer zogen Schlieren über die Frontscheibe. Die Bordbatterie war leer. Ich hatte sie überprüfen lassen, aber Überprüfungen waren keine Garantien, wie ich inzwischen wusste.
Ich sollte mich freuen. Stattdessen war ich, gelinde gesagt, „unleidlich“.
Zum Glück hatte ich die Etappen kurz geplant. Eine Stunde mit dieser Rappelkiste war auszuhalten. Für längere Strecken hielt ich Aspirin für eine angemessene Reisevorbereitung.
Der erste Stellplatz lag hinter der Halle eines Weinguts im Hunsrück. Ich rangierte den Camper in eine Lücke, in der zwei Lastwagen samt Anhängern bequem hätten wenden können. Ich brauchte mehrere Anläufe. Zumindest hatte ich noch nie von mir behauptet, eine gute Fahrerin zu sein.
Immerhin hatte nicht nur der Regen aufgehört. Blauer Himmel blitzte durch die letzten Wolkenreste. Und nicht nur das: Sonnenstrahlen stellten die umliegenden Weinberge und Eichenwäldchen in der Ferne nach allen Regeln der Kunst ins Rampenlicht. Gelb, Orange, Rot, grelles Grün.
Es war lächerlich einfach. Vor wenigen Minuten hatte ich mich noch über alles geärgert, was nicht funktionierte. Jetzt fühlte es sich an wie eine dieser Situationen, in denen man einen Raum betritt, um etwas zu erledigen, es einem aber beim besten Willen nicht mehr einfällt, was genau das noch war.
Die Sonne strahlte. Das Laub strahlte. Ich strahlte.
Ich ging drei Stunden spazieren. Die Luft war kühl und roch nach dem Regen. Über den Weinbergen lag dieses besondere Licht des Oktobers, das alles mit Goldglitter überzieht.
Als ich zurückkam, wurde es bereits dunkel. Die Uhren waren in der Nacht von Sommer- auf Winterzeit umgestellt worden.
Im 24/7-Hofladen direkt neben dem Stellplatz gönnte ich mir eine Flasche Roséwein mit dem schönen Namen „Kleine Prinzessin“.
Im Camper schaltete ich den Heizlüfter ein und zog eine warme Decke über meine Beine. Tilla rückte an mich heran, bis ihr kleiner Körper an meinem Oberschenkel lag. Nach einer Weile begann sie leise zu schnarchen.
Vor mir stand die Lichterkette, die ich irgendwann in einem grünen Kunststoffzylinder untergebracht hatte. Der Kunststoffzylinder war gerissen. Der Rosé hatte die richtige Temperatur und war trocken, genau so, wie ich ihn mochte. Auf dem Tablet lief ein Disney-Film.
Draußen war es dunkel. Drinnen summte der Heizlüfter. Tilla schnarchte. Auf dem Bildschirm war die Welt überschaubar, und selbst ihre Schwierigkeiten schienen sich früher oder später in Wohlgefallen aufzulösen.
Ich saß da, eine Hand um das Weinglas gelegt, die andere auf Tillas Bauch, und merkte, dass ich dümmlich grinste.
Es war kein besonderer Augenblick. Nichts war erreicht, nichts hatte sich grundlegend verändert. Der Camper war immer noch zweiundzwanzig Jahre alt. Die Batterie würde überprüft werden müssen, und die Scheibenwischer waren vermutlich auch am nächsten Morgen nicht besser. Ich war allein unterwegs, und morgen würde ich wieder weiterfahren.
Aber für diesen Moment war alles exakt so, wie ich es haben wollte.
Ich dachte an nichts, was noch erledigt werden musste. Ich vermisste nichts, was anderswo auf mich wartete. Ich saß einfach da, in meiner kleinen, unvollkommenen Behausung, mit einem schlafenden Hund an meiner Seite und einem Glas Rosé in der Hand.
Vielleicht war es der Wein. Vielleicht war es die Erleichterung, dass die Dinge, die am Morgen noch so lästig gewesen waren, inzwischen keine Rolle mehr spielten.
Oder vielleicht war Glück gar nicht so ein mysteriöses, metaphysisches Dingens, nach dem man aktiv streben musste, sollte oder wollte.
Ich strich Tilla über den Bauch. Sie schnarchte weiter, unbeeindruckt von meinen Erkenntnissen.
Vor mir leuchtete die kaputte Lichterkette.
Gefühlsduselig zog ich die Nase hoch und blinzelte die feuchten Augen weg. Da saß ich also mit einem alten Diesel im Hunsrück, hatte Wein mit dem Namen „Kleine Prinzessin“ gekauft und sah Zeichentrickfilme in einem Camper, dessen technische Ausstattung mir regelmäßig Anlass zur Sorge gab. Und ausgerechnet hier, zwischen Heizlüfter und Hundebox, stellte sich dieses stille Gefühl ein, dass alles gut war.
Am nächsten Morgen würde ich weiterfahren. Es gab noch andere Stellplätze, andere Landschaften und vermutlich weitere emotionale Achterbahnfahrten.
Aber an diesem Abend war ich angekommen.
Nicht irgendwo. Sondern für ein paar Stunden genau dort, wo ich war.
Vielleicht war das der ganze Trick.
Vielleicht war das Glück gar kein Ziel, das man erreichen musste.
Manchmal saß es einfach neben einem und schnarchte.
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