ST. PETERSBURG: Prunk und Protz für jedermann

Die Fähre auf der Ostsee

„Flug von Frankfurt nach Helsinki. Fähre nach Sankt Petersburg. Drei Tage Stadtführungen und Besichtigungen. Und dann auf demselben Weg zurück.“ So fasse ich die Reise zusammen, während mein Gegenüber sein Frühstücksbrötchen kaut.

Es nickt. Mh?! Das ist definitiv eine Zusage. Oder zumindest keine Ablehnung.

Ich buche also.

Prinzessin auf der Ostsee

Wenn ein Hundejahr sieben Menschenjahren entspricht, wie vielen Menschenjahren entspricht dann ein Fährenjahr? Während ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich es eigentlich gar nicht wirklich wissen will. Immerhin hat die „Princess Maria“, die zwischen Helsinki und Sankt Petersburg verkehrt, schon 35 Menschenjährchen auf dem Buckel.

Eindrücke von der Fährreise

Wir schleichen uns über Nacht ins Russische Reich. Wir könnten also die langweilige Fährfahrt verschlafen und ausgeruht ankommen. Erstens ist die Fährfahrt aber alles andere als langweilig, und zweitens möchten wir auch wirklich keine Nacht in einer Kabine der Kategorie Sardinenbüchse verbringen. Der Trubel an Bord hat etwas von einem Vergnügungsdampfer. Bars, Restaurants, Unterhaltungsshows und ein Casino. Es gibt auch eine Art Supermarkt mit Duty-Free-Ware. Allerdings darf man dort erst einkaufen, wenn das Schiff eine imaginäre Grenze überquert hat. Ich wundere mich unkommentiert.

Noch bevor der Zielhafen erreicht ist, wartet ein erstes Abenteuer: das Frühstücksbuffet. 2.000 Menschen unterschiedlichster Ethnien und Nationalitäten stürmen gleichzeitig das reichhaltige Angebot an Speisen und Getränken. Es wird gedrängelt, geschubst und gekleckert. Zum Glück haben wir uns die ganze Nacht von Cocktails ernährt und verzichten auf das lustige Gerangel um Lebensmittel.

Die Vertreterin unseres Reiseveranstalters hat ihren Schäfchen den Geheimtipp gegeben, sich nach dem Frühstück auf dem Autodeck einzufinden. Dieses Deck würde zuerst geöffnet, und so wären wir auch die Ersten an der Passkontrolle und müssten nicht stundenlang warten.

„Toller Tipp!“, denke ich noch auf dem Weg zu Deck drei, wo sich der Zugang zu den Autodecks befindet. „Toller Tipp!“, denken sich bestimmt auch die rund vierzig Personen, die im engen Gang vor mir auf das Öffnen der Türen zum Autodeck warten. Hinter mir drängen weitere Reisende nach. Im stickigen, engen Gang warten irgendwann mehr als 100 Menschen gemeinsam darauf, endlich das Deck betreten zu dürfen, von dem aus wir das Schiff verlassen können.

Als sich die heftig bedrängte Tür öffnet, quillt die Menschenmasse in eine leere Autohalle. So groß diese Halle auch ist: Allmählich füllt sie sich mit Menschen. Toller Geheimtipp.

Als sich die Ausfahrtsrampe der Fähre langsam mit mechanischem Gegurgel und gelbem Warnlichtgeblinke öffnet, setzen sich die Menschenmassen in Bewegung, als würde ein Marathon starten. Wenn mir nicht ständig Koffer in die Hacken und über die Füße rollen würden, müsste ich glatt lachen. Tatsächlich spurten einige Reisende los, als wollten sie sich vom Verfolgerfeld absetzen. Auch ältere, gebrechlich wirkende Touristen legen, gestützt auf Koffer und Krücke, eine beachtliche Geschwindigkeit vor. Eine surreale, absurde Szene.

Angekommen!

Tschüss, Prinzessin Maria … Wir sehen uns in drei Tagen wieder!

Väterchen Russlands Vorzeigemetropole

Vierzehn Stunden nachdem wir Helsinki verlassen haben, kracht mit einem lauten „Wums“ der Stempel der russischen Einreise in meinen Pass.

Dann mal her mit den Sehenswürdigkeiten! Ich bin ehrlich gespannt und ganz verliebt in unsere lokale Reiseleiterin Svetlana. Ihr breiter russischer Akzent ist zum Niederknien. Ihre trockene Art, Fakten und Anekdoten zu mischen und mit lang gezogenen Vokalen über das Mikrofon im Bus zu verkünden, ist köstlich.

Sie setzt ganz klare Prioritäten bei der Vermittlung kulturell wichtiger Informationen. Nach wenigen Minuten Fahrt erklärt sie: „Bei uns in Russland ist Wodka Medizin. Hilft für Nerven und für Magenverstimmung.“

Gut. Message angekommen. Wir werden zum Mittagssnack einfach einen Wodka zwitschern. Wir wollen schließlich mit allen Sinnen erleben.

So. Jetzt aber mal zum eigentlichen Thema.

Sankt Petersburg.

Das Venedig des Ostens.

Kaiserwetter. Die Newa glitzert in der Sonne. Jetboote überholen Touristenboote. Am Horizont sind unzählige goldene Türmchen zu entdecken. Entlang des Flusses reihen sich Paläste an Paläste. Alles herrlich restauriert, repräsentativ hergerichtet. Es ist einfach unfassbar schön.

Um Svetlana noch einmal zu zitieren: „Wer Petersburg gesehen hat, der weiß, warum wir sagen: Moskau ist unser größter Vorort.“

Der nächste Tag verspricht Peterhof. Schlange stehen. Eine geschlagene Stunde. Planwirtschaft. Wir wollen schließlich mit allen Sinnen „genießen“.

Das Innere des Schlosses erschlägt einen. Prunk und Protz in jeder Pore.

Der prachtvolle Garten von Peterhof

Wirklich schön wird es, als wir uns die Schuhüberzieher von den Füßen reißen und endlich den herrlichen Garten mit den unzähligen Fontänen anschauen dürfen. Ein Versailles an der Ostsee. Auf dem großen Areal verlieren sich die Menschenmassen, und das Flanieren in der Sonne lässt sogar Urlaubsstimmung aufkommen.

Bevor ich mich versehe, stehe ich schon wieder in einer endlos scheinenden Schlange vor einem Museumseingang. Diesmal werde ich mich durch die Eremitage schieben lassen. Das Gebäude ist weitläufig und beherbergt Werke von Rembrandt, Rubens, Matisse, Gauguin, da Vinci und Picasso. Entsprechend groß ist das Interesse der Besucher. Vor einem gerade einmal DIN-A4-großen „Gemälde“ von da Vinci kommt es beinahe zu Ausschreitungen unter asiatischen Touristen, weil jeder schnell ein Foto schießen will, bevor er weitergeschoben wird.

Was stimmt eigentlich nicht mit den Menschen? Muss man sich wirklich wegen eines Fotos so aufführen? Wohl noch keinen Wodka gehabt heute?

Es wird Zeit, mal etwas auf eigene Faust zu unternehmen. Ein ehemaliger Praktikant, Daniel, lebt zurzeit in Saint Pete, wie er es nennt. Ich habe ihn mit einer als freundschaftliche Anfrage getarnten Aufforderung dazu verdonnert, erstens ein georgisches Restaurant auszusuchen und uns zweitens seine persönliche Lieblingssehenswürdigkeit zu zeigen.

Zu dritt fahren wir mit der Metro zu dem georgischen Restaurant, das Daniel auf unseren Wunsch hin ausgesucht hat. Er bestellt, wir bezahlen. Nach wenigen Minuten biegt sich unser Tisch unter der Last von Fleisch und Fett, noch mehr Fleisch und noch mehr Fett. Oh, und einer ganzen Literkaraffe Tschatscha.

„Dieser Kaukasusschnaps hat meistens mehr als 60 Prozent Alkohol und haut einen aus den Latschen“, höre ich Daniel sagen. „Nasdrowje“, höre ich mich selbst sagen.

Eindrücke aus Sankt Petersburg

Vollgefuttert und mit Schlagseite stehen wir später am Abend vor der Isaakskathedrale. Dieses Bauwerk ist ein Gigant und hätte mich auch nüchtern extrem beeindruckt. Hätte ich geahnt, dass meine beiden Begleiter mich jetzt die rund 200 Stufen hinauf zur Aussichtsplattform jagen würden, hätte ich vielleicht etwas weniger Ungesundes geschlemmt.

Ach Quatsch. Hätte ich vermutlich trotzdem alles gegessen und getrunken.

Als Letzte von uns oben angekommen und wieder zu Atem gekommen, möchte ich gerade losmeckern, als ich sehe, was die beiden Herren bereits schweigend bestaunen: Im Zwielicht der „Weißen Nächte“ erstrahlt die beleuchtete Stadt.

Wow.

Den Knuff in den Oberarm hat Daniel sich verdient. Gut ausgesucht. Danke dafür.

Sankt Petersburg im Abendlicht

Damit ich morgen wieder an Svetlanas Lippen hängen kann, wird es Zeit, ins Hotel zurückzukehren. Anstatt zur etwas weiter entfernt gelegenen Metrostation zu laufen, streckt Daniel kurzerhand einen Arm in Richtung Fahrbahn aus. Sekunden später bremst ein privater Pkw und bietet uns an, uns zum Hotel zu fahren.

Ich bin hin- und hergerissen. Zu Hause würde ich doch auch nicht bei einem Fremden einsteigen. Warum also hier?

Weil – so erklärt mein einheimischer Freund – es hier so üblich ist. Junge Sankt Petersburger lieben es, abends mit ihren Autos spazieren zu fahren. Dabei verdienen sie sich den einen oder anderen Rubel dazu, indem sie – illegal! – als private Taxifahrer fungieren.

Mir ist ganz schön mulmig. Ohne eine lokale Begleitung würde ich mich das niemals trauen. Und dann muss ich auch noch zugeben, dass es superlustig war und den passenden Ausklang für diesen tollen Tag bildete.

Drei Tage, vollgestopft mit Prunk und Protz, fühlen sich einerseits viel länger an, vergehen aber auch doppelt so schnell.

Russland verabschiedet sich würdig. Im Katharinenpalast, auch Puschkin-Palast genannt, hat man eine Replik des verschwundenen Bernsteinzimmers erstellt. Laut unserem Führer ist sie besser, größer und schöner als das verschwundene Original. Ich kann ein spontanes Kichern nicht unterdrücken.

Ich habe in den wenigen Tagen viele Guides kennengelernt. Eine grundsätzliche Aussage kam von allen: Russland ist größer, besser und schöner als der Rest der Welt.

Gut. Ich lasse das mal so im Raum beziehungsweise im Bernsteinzimmer stehen.

Es ist weniger der Anblick des Raumes mit seinen gelbbraunen Wänden als der Mythos des verschollenen Kunstschatzes, der mich in den Bann zieht. Verschwörerisch senkt der Guide die Stimme und flüstert in die Runde: „Man glaubt, amerikanische Kunstsammler haben das echte Zimmer entführt.“

Ja, nee, ist klar.

Unter seinem strengen Blick unterdrücke ich einen weiteren Kicheranfall. Ich brauche meine tägliche Ration Wodka. Na dann, Nasdrowje.

Am letzten Tag begleitet Svetlana ihre Reisegruppe noch mit dem Bus zur Fähre nach Helsinki. Im Bus sinniert sie laut darüber, dass sie hofft, wir hätten jetzt ein bisschen mehr verstanden: dass es im Osten gar nicht so schlecht sei, wie wir vermutlich gedacht hätten, und dass im Westen ja auch nicht alles so toll sei.

Sie gibt eine letzte Anekdote zum Besten: „Ist mein Vater 80 Jahre alt. Haben wir gemeinsam Eurovision Song Contest gesehen. Hat gewonnen eine Frau mit Bart. Hat mein Vater gekauft eine neue Brille.“

Ja, dem hatte ich dann auch nichts mehr hinzuzufügen.

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