ST. PETERSBURG: Prunk und Protz für jedermann


Bevor es um St. Petersburg geht, möchte ich DAS noch loswerden:

Ich hab’s schon wieder getan. Dabei hätte ich es doch spätestens nach der Süd-Polen-Episode besser wissen müssen: Wer billig bucht, bekommt auch nur billig.

Vorfreude gibt es ja quasi gratis und deshalb freuen wir uns auch wochenlange wie Bolle auf den Sankt Petersburg Trip. Schon die An- und Rückreise sollen ein Erlebnis sein. Per Flugzeug nach Helsinki, und von dort mit der Fähre in das Venedig des Ostens. Danach in umgekehrter Reihenfolge wieder zurück nach Hause. „Kreuzfahrtfeeling“ wird im Prospekt angepriesen.

Die Flugdaten flattern per Post ins Haus. Ach Du Herrje. Meine Hass-Airline. Frankfurt Berlin, Berlin Helsinki. Na, da pack ich doch lieber ein bisschen mehr ins Handgepäck. Wäre ja nicht das erste mal, dass diese Fluglinie meinen Koffer verschlampt.

Diesmal schafft es der Billig-Flieger nicht nur mich, sondern auch mein Gepäck zum richtigen Airport zu befördern. Eine Vertreterin der Reiseleitung nimmt uns -typisch für eine Pauschalreise- am Helsinkier Flughafen in Empfang, setzt uns in den richtigen Bus und winkt uns freundlich als wir zusammen mit vielen anderen Mitreisenden in das Fährterminal der St. Peter Line einmarschieren.

Im Terminal bekommen wir unsere Bordkarten. In der einen Hand Bordkarte und Reisepass und mit der anderen Hand den Koffer lässig hinter mir her ziehend, schreite ich die Gangway zum riesigen Schiff entlang. Tatsächlich. Fühlt sich an wie Kreuzfahrt.

Unsere neun Quadratmeter große Kabine erinnert uns schnell daran, dass wir uns auf einer Auto-Fähre, und nicht auf einem Luxus-Liner befinden. Die Enge der Kabine und Getränke in Plastikbechern von der Bar auf dem Oberdeck sind aber auch das einzige an dem ich herummäkeln möchte. Alles andere machen wir uns einfach schön. Nicht mal ein Frühstücks-Büffet mit 1400 anderen Reisenden (hauptsächlich Chinesen) verdirbt uns die Laune.

An Bord befindet sich eine Vertreterin des Billig-Reiseveranstalters. Sie hat ihren Schäfchen den Geheimtipp gegeben, sich nach dem Frühstück auf dem Autodeck einzufinden. Dieses Deck würde zuerst geöffnet, und so wären wir dann auch die ersten an der Passkontrolle und müssten nicht stundenlang warten. „Toller Tipp!“ denke ich noch auf dem Weg zu Deck drei, wo sich der Zugang zu den Autodecks befindet. Den Gedanken hätte ich mir sparen können. Vor mir im Gang stehen schon rund vierzig Personen, und hinter mir laufen mindestens nochmals so viele auf. Im stickigen, engen Gang warten wir gemeinsam darauf, dass wir endlich das Deck betreten dürfen, von dem aus wir das Schiff verlassen können. Als sich die heftig bedrängte Tür öffnen , quillt die Menschenmasse in eine auto-leere Halle. So groß diese Halle auch ist. Sie füllt sich allmählich mit Menschen. Toller Geheimtipp. Als sich die Ausfahrtsrampe der Fähre langsam mit mechanischem Gegurgel und gelbem Warnlicht-Geblinke öffnet, setzen sich die Menschenmassen in Bewegung als würde ein Marathon starten. Wenn mir nicht ständig Koffer in die Hacken und über die Füße rollen würden, müsste ich glatt lachen. Tatsächlich spurten einige Reisende los, als wollten sie sich vom Verfolgerfeld absetzen. Auch ältere, gebrechlich wirkende Touristen legen, gestützt durch Koffer und Krücke, eine beachtliche Geschwindigkeit vor. Eine surreale, absurde Szene.

Und ähnlich absurd geht es auch weiter.

Nachdem der russische Einreisestempel mit lautem ‚wums‘ auf der Einreisekarte (bei Anreise mit der Fähre kann man einen 72 Stunden visafreien Aufenthalt genießen) gelandet ist, hüpfen wir in den erstbesten Bus, der das Emblem unseres Veranstalters -neben einer fett gedruckten „1“- in die Windschutzscheibe gehängt hat.

Eine dreistündige Stadtrundfahrt mit diversen Fotostopps lässt keinen Zweifel daran. „Mir sinn net zum Spaß hier!“ Kultur ist angesagt. Planwirtschaftlich und ohne Gnade.


Obwohl ich mir sehnlichst wünsche endlich mal im Hotel anzukommen, um die Kleidung wechseln zu können, sinkt meine Laune trotzdem, als wir vor das Gebäude mit den fünf Reisebussen fahren. In der Lobby des Hotels geht es geschäftiger zu als in der Frankfurter Konstabler Wache. Schulklassen, Reisegruppen und Einzelreisende bilden lange Schlangen vor der Rezeption und den Aufzügen.

Als ich mich in die Schlange einreihe, um die -leider nur vor Ort buchbaren- Ausflüge zu bezahlen, und die entsprechenden Voucher zu erhalten, verschlägt es mir die Sprache. Mein –mittlerweiler verhasster- Billig-Reiseveranstalter hat nicht etwa nur einen Bus Schnäppchenjäger in die riesige Stadt an der Ostsee geschippert. Neeeeeeeeeeeeein… wir sind rund 150 Personen, die sich bei Ankunft am Fährhafen auf fünf Busse verteilt hatten.

Das planwirtschaftliche Anstehen nach den Ausflugs-Voucher hat so lange gedauert, dass für’s frisch machen und umziehen leider nicht gereicht hat.

Wie gesagt „Mir sinn net zum Spaß hier!“

Kurz durchatmen und auf Bus Nummer eins zusteuern. Pah! Wem das logisch erscheint, hat die Rechnung ohne die chaotischen Reiseleiterinnen gemacht. Sie würfeln die große Gruppe erneut.

Besser wir gewöhnen uns jetzt daran, denn das muntere durcheinanderwürfeln wird ab jetzt zweimal täglich stattfinden. Einmal morgens und einmal mittags. Vermutlich möchte man so verhindern, dass sich die Reisenden untereinander kennenlernen. Ansonsten fällt mir kein schlauer Grund ein.

Chaos hin oder her. Svetlana, eine der Reiseleiterinnen gibt uns den entscheidenden Tipp: „Bei uhns in Ruuhsland, Woodga ist Mähdizin. Hilft für Nervähn uhnd für Mohgenbestihmung.“

OK. Hinweis verstanden. Wir zwitschern zum Mittagssnack einfach nen Wooooodga und schon nervt das ganze Chaos schon etwas weniger.

So. Jetzt aber mal zum eigentlichen Thema. Sankt Petersburg. Das Venedig des Ostens.

Boah ist das schön hier. Wir haben Kaiserwetter und die Newa glitzert in der Sonne. Jet-Boote überholen Touristen-Boote. Am Horizont kann man unzählige goldene Türmchen entdecken. Entlang des Flusses reihen sich Paläste an Paläste. Alles herrlich restauriert, repräsentativ hergerichtet.

Um Svetlana nochmals zu zitieren: „Währ Pätärbuhrrrrrg gesähen hot, der weiss waruuuhm wir soogen Moooskau ihst uhnser grrrößter Vorohrt.“

In der Tat. Die Stadt ist riesig. Immerhin die viertgrößte Europas. Und sie hat viel zu bieten. Zwei ganze und zwei halbe Tage schauen wir und die kulturellen Highlights der Stadt an.

Die Peter-Paul-Festung auf der sogenannten Haseninsel. Schöne Anlage. Die Kathedrale ist wirklich sehenswert, und wir stehen deutlich unter einer Stunde an, um hinein zu gelangen.


Mein erstes, persönliches Highlight. Die Auferstehungs- oder auch Blutkirche. Von außen wunderbar pittoresk mit bunten Zwiebeltürmchen. Umringt von unzähligen Souvenirshops. Innen wahrlich eine Offenbarung. „Boah watt schön!“ höre ich die Düsseldorferin neben mir sagen. Ja, wo sie recht hat, hat sie recht.

Wir waren gegen Abend da, und mussten (hört, hört!) nicht mal anstehen, um die grandiosen Mosaike bewundern zu können. Selbst der Boden bringt mich zum Staunen. Schöne Steinarbeit mit Intarsienmustern.


Am anderen Morgen, nach einem horrenden Frühstück (ich sah zum ersten mal, wie rund 100 Personen in nur zwei Minuten ein Büffet in ein Schlachtfeld verwandelt haben), stehen wir eine geschlagene Stunde am Peterhof an. Zusammen mit tausenden Besuchern aller Nationalitäten werden wir durch das große Schloss geschoben. Eine Reiseleiterin erklärt geduldig, aber monoton, die wiesos weshalbs gund warums.

Wirklich schön wird es, als wir uns die Schuhüberzieher von den Füßen reißen und endlich den herrlichen Garten mit den unzähligen Fontänen anschauen dürfen. Ein Versailles an der Ostsee. Auf dem großen Areal verlieren sich die Menschenmassen und das Flanieren an der Sonne lässt sogar Urlaubsstimmung aufkommen.


Zum Glück haben wir den Spaziergang ausgiebig genossen, denn bevor wir uns versehen, stehen wir schon wieder in einer endlos scheinenden Schlange an einem Museumseingang. Diesmal wollen wir uns durch die Eremitage schieben lassen. Das Gebäude ist schon von außen ein echter Hingucker. Drinnen sieht es ein bisschen aus wie in einem bewohnten Museum.


Werke von Rembrandt, Rubens, Matisse, Gauguin, Da Vinci und Picasso finden sich hier. Entsprechend groß das Interesse aller Besucher. Vor einem DIN A4 großen „Gemälde“ von Da Vinci kommt es nahezu zu Ausschreitungen zwischen Asiatischen Touristen, weil jeder schnell ein Foto schießen will, bevor er weitergeschoben wird.


Abends treffen wir uns mit einem Freund, genießen ein Anti-Weight Watchers Dinner in einem Georgischen Restaurant und trainieren uns danach wenigstens noch ein paar wenige Kalorien ab, indem wir die mehr als 200 Stufen hinauf zur Aussichtsplattform auf der Isaac-Kathedrale kraxeln. Bedenklich schnaufend und zugegebenermaßen laut fluchend komme ich oben an. Zetern und meckernd, beruhige ich mich erst, als ich sehe, warum mein Russischer Freund uns hier her geschleift hat. Im Zwielicht der „Weißen Nächte“ erstrahlt die beleuchtete Stadt. Wahnsinn.



Weil keine Metrostation in der Nähe ist (Keine falsche Schüchternheit. Die Petersburger Metro ist kinderleicht zu nutzen. Man KANN sich nicht verfahren.) streckt unsere einheimische Begleitung kurzerhand einen Arm Richtung Fahrbahn aus. Sekunden später bremst ein privater Pkw und bietet uns an, uns zum Hotel zu fahren. Das sei hier so üblich, versichert man mir. Naja… zuhause möchte ich im Dunkeln nicht bei Fremden mitfahren. Warum also hier? Egal. Es ist alles gut gegangen. Bissi Abenteuer gehört auch dazu.

Am nächsten Tag machen wir uns einen Spaß daraus so zu tun, als hätten wir nicht verstanden mit welcher Reiseleiterin wir in welchen Bus einsteigen sollen. Mittlerweile haben wir so ziemlich alle Busse des lokalen Veranstalters durch und treffen immer noch auf mitreisende Gesichter, die wir noch nicht gesehen hatten. Weija.

Der Pavlovsk Sommerpalast ist auch nur ein Schloss. Sehr schön gelegen. Idyllisch und ohne Gedränge. Mein Geschmack an Thronsälen, Kristall-Lüstern und Brokat-Tapeten ist zwar schon gedeckt, aber zumindest darf ich hier in Ruhe schauen und staunen, ohne, dass mich nachschiebende Massen weiter schieben.


Russland verabschiedet sich würdig. Im Katharinen-Palast (auch Puschkin-Palast) hat man eine schönere, bessere und größere Replik des verschwundenen Bernsteinzimmers erstellt. Es ist weniger der Anblick des eines Raumes mit vermeintlichen Plastikwänden, als der Mythos des verschollenen Kunstschatzes.


Als wolle sie nochmals alle vergangenen und derzeitigen Klischees zusammenfassen, flüstert die Reiseleiterin mit weit aufgerissenen Augen und verschwörerischem Ton „Maahn gllllauuuhbt, Ahmerikahnüsche Kuhnst-Sahmmlär haben das ähchte Ziehmär entfüührt.“ Is klar, ne?!

Reisen bildet. Was habe ich gelernt:

1) Finger weg von Billiganbietern.

2) Woodga ist Mähdizin

3) St. Petersburg ist eine der schönsten Städte, die ich je gesehen habe.

4) Ein Trip nach St. Petersburg ist evtl außerhalb der Saison entspannter, weil weniger Touristen sich vor den sehenswerten Highlights der Stadt drängeln.

5) Georgische Küche ist großartig! Khachapuri-Imeruli (georgisches Fladenbrot gefüllt mit Käse) ist mein neuer Futter-Favorit. (Aber Finger weg von Tschatscha. Der „kaukasische Grappa“ hat meistens mehr als 60% Alkohol und haut einen aus den Latschen.)


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