SCHOTTLAND: Ein Land lebt liebenswerte Klischees


Schottland assoziiere ich mit wildromantischen Steilklippen an die unermüdlich Meeresgischt klatscht, sattgrünen Wiesen auf denen Galloways freundlich in die Touristen-Kamera widerkäuen, düster mysteriösen Seen mit Wasserdrachen und hünenhaften Männern in karierten Röcken, die allesamt entweder Dudelsack spielen oder Baumstämme durch die Gegend werfen, um im Anschluss Whiskey als Grundnahrungsmittel zu sich zu nehmen.
Ob Schottland tatsächlich all diese Klischees bedient, oder ob ich mich von dem ein oder anderen Vorurteil trennen muss, will ich während einer Stippvisite im Norden des Vereinigten Königreichs herausfinden.

Völlig fokussiert darauf meine Klischee-Liste gedanklich abzuhaken, überrascht mich Schottland mit unerwarteten Highlights:


Gänsehaut in Edinburgh

„Ghost Tour“ wird an fast jeder Ecke in Edinburgh angepriesen. So wirklich kann ich mir nichts darunter vorstellen, bin aber wahnsinnig neugierig auf diese Art der Stadtführung, und halte ratzfatz ein Ticket für rund zwanzig Euro in meinen Händen.

Treffpunkt der Englischsprachigen Ghost-Tour, ist um 22 Uhr auf dem Platz vor der St. Giles Kathedrale. Eine junge Studentin, in mittelalterlichem Gewand stellt sich jedem einzelnen Tour-Teilnehmer als Martina aus Prag vor. Drei Amerikanerinnen erwähnen bei dieser Vorstellungsrunde, dass sie sich auf viel Spaß während der Tour freuen. Daraufhin schimpft Martina theatralisch ihren schwarzen Umhang schwenkend „Ich bin ein Geist. Ich bin nicht hier, um euch Spaß zu bereiten.“. Noch lacht die Gruppe.


Gemütlich setzen sich die rund zwanzig Personen aller Nationalitäten in Bewegung. Zuerst durch die kleinen, engen Gassen von Edinburgh. Martina erzählt auf einzigartig witzige und humorvolle Art und Weise etwas über das Leben im Mittelalter und geschichtliche Eckdaten in und um Edinburgh. Dabei bezieht sie immer wieder einzelne Teilnehmer der Gruppe mit in ihre anschaulichen Berichte mit ein. Es dauert keine zehn Minuten, da habe ich die ersten Lachtränen in den Augen stehen.

Irgendwann steigen wir dann gemeinsam in die Katakomben unter den Brückenpfeilern der Stadt hinab. Es ist dunkle, eng und kalt. Die niedrigen Räumchen sind kaum künstlich beleuchtet. Einzig die flackernde Kerze, die unser Tour-Guide (oder sollte ich sagen Tour-Geist) vor sich herträgt, erhellt den Weg und unsere Gesichter.

Martina beginnt die interessanten Berichte über die Entstehung und Verwendung dieser Katakomben mit Geschichten über paranormale Phänomene, die hier immer wieder beobachtet werden, zu vermischen. Die Gruppe wird immer stiller, die Anspannung ist deutlich zu spüren. Macht sie Spaß, oder meint sie das ernst? Wurden wirklich schon Fotos vom Geist gemacht, der den Besucher-Gruppen folgt, und auch immer mal einen kalten Windhauch über die Nacken haucht, um sich bemerkbar zu machen?


Realität und Fiktion vermischen sich. Geht es hier überhaupt um Fiktion, oder sind die schaurig gruseligen Geschichten über Geistererscheinungen in den Katakomben Wirklichkeit? Ich schmunzele zwar immer noch über die humorvolle Art und Weise der Erzählungen, bekomme aber einen Gänsehautschauer nach dem andere über den Rücken gejagt. Verdächtig oft, blicke ich über meine Schultern nach hinten und sehe zu, möglichst mit dem Rücken an der Wand zu stehen.

Ich bin ehrlich gesagt erleichtert, als die Tour nach zwei Stunden beendet ist, obwohl ich diese superlustige, spannend-gruselige Art der Stadtführung jederzeit wieder machen würde. Und genau aus diesem Grund möchte ich auch gar nicht mehr wissen, ob die Geistergeschichten wahr sind. Besser ist das.

Absolut empfehlenswert!


Tölpel, so weit das Auge sieht

"Bass Rock" klingt wie Musik in meinen Ohren. Dabei ist mit "Bass" in diesem Fall keine Gitarre, und mit "Rock" kein "Rock n Roll" gemeint.
Bass Rock ist ein Felsen vor der Küste vor North Berwick. Hier ist jeder Quadratzentimeter von nistenden Meeresvögeln besiedelt.

Mit einem kleinen Boot kann man vom Hafen aus eine kleine Rundfahrt um den Felsen buchen.
Spektakulär!


Schon von weitem schalten alle Sinne auf Vogelbeobachtung. Es riecht streng nach Vogeldung, die Geräuschkulisse ein einziges Gekrächze, Geschreie und Zetern. Je näher man kommt, um so unwirklicher erscheint das winzige Eiland. Vogel an Vogel wimmelt die Oberfläche vor Leben. Aktuell brüten wunderschöne Tölpel. Herrliche Tiere mit überdimensionierten Füßen, langen Schnäbeln und cremefarbenem Gefieder. Um die Augen eine filigrane Zeichnung.
Ich bin begeistert und zutiefst beeindruckt. Dieser Ausflug ist zwar nicht besonders abwechslungsreich, dafür aber unvergesslich.



Ein Pfiff sagt mehr als tausend Worte

Ein Ausflug zu einer „Hütehunde Vorführung“. Innerlich rolle ich die Augen, in Erwartung einer typischen Touristen-Show.

Als ich dann aber bei Nieselregen auf einer matschigen Wiese stehe, komme ich mir gar nicht vor wie auf einer touristischen Massenveranstaltung. Wir sind zwar rund dreißig Leute, die Mitten im Nirgendwo auf einer Weide stehen und hingerissen die zwölf Hütehunde und ihre sechs Welpen beobachten, aber es fühlt sich nicht nach Butterfahrt an.


Die Hütehunde überschlagen sich mit Unterwürfigkeits-Gesten, als der Schäfer die Szene betritt. Ein großer, hagerer Mann mit Cordhose und Karohemd. Er erklärt kurz und professionell ein paar Eckdaten zu den Tieren und wie lange die Ausbildung dauert. Dann lässt er Taten sprechen … äh … genau genommen wird ab jetzt nur noch gepfiffen. Per „Pfeifsprache“ instruiert der Schäfer einzelne Hunde eine kleine Herde Schafe zur interessierten Touristen-Schar zu treiben. Nach ein paar hohen Pfiffen aus dem Mundwinkel und einigen dumpferen Stakkatos auf vier Fingern, flitzt ein einzelner Hund pfeilschnell ans andere Ende der Weide und verschwindet hinter dem Horizont. Es dauert ein paar Minuten bis die ersten Schafköpfe am Horizont erscheinen. Die Touristen-Menge raunt. Tatsächlich, ein einzelner Hund hat ein paar Schafe zusammen getrieben, umkreist sie permanent und treibt sie so Meter für Meter zu uns hin. Der Schäfer scheint zufrieden. Er kniet nieder, gibt ein paar erneute Pfiff-Kommandos und zwei weitere Hunde schießen los, um ihr Rudelmitglied bei der Arbeit zu unterstützen.


Ich bin -ehrlich gesagt- sprachlos. Spätestens seit „Ein Schweinchen namens Babe“ weiß jeder welche Grund-Aufgaben ein Hütehund zu erledigen hat: Eine Herde zusammen treiben, einzelne Tiere aus der Herde separieren, die Schafe in ein Gatter laufen lassen. Dass das aber alles quasi nonverbal, durch Pfiffe kommandiert wird, beeindruckt mich noch mehr. Schäfer und Hunde kommunizieren nur durch Blicke, Handzeichen und diese ungewöhnliche Pfiffsprache. Ein grandioses Schauspiel.

Unbedingt anschauen!


Das Ding im See

Erneut in Erwartung einer typischen Touristen-Show nehme ich meinen Platz auf einem Boot ein. Ein Boot, ausgestattet mit Sonar. Ein Boot auf dem Loch Ness.


Das kleine Schiffchen legt ab, und jeder beobachtet gespannt die Bildschirme in den Ecken des Schiffdecks. Monochrom stellt sich hier der Bode des Sees dar.


Ein junger, sympathischer Mann stellt sich als Marc vor. Er erklärt humorvoll und kurzweilig die Entstehungsgeschichte und die geographischen und geologischen Besonderheiten des tiefen, kalten Sees, um den sich so viele Mythen ranken.

Nachdem Marc die Fakten zum See in spannende Anekdoten verpackt zum Besten gegeben hat, kommen wir endlich auf das zu sprechen, weswegen wir alle hier sind: Nessie!


Amüsiert schmunzelnd zählt der freundliche Guide diverse Theorien zum mutmaßlichen Seeungeheuer auf. Dann wird er plöltzlich ernst und leitet mit theatralischer Stimme die -seiner Meinung nach- wohl wahrscheinlichste Theorie zum Ungeheuer von Loch Ness ein: Eishaie! Riesige, eigentlich um Grönland lebende Fische, die vor der Eiszeit im See eingekesselt worden sein könnten, und sich im Laufe der Evolution von Salz- zu Süßwasser-Fischen entwickelt haben könnten.

Tja… vermutlich werden wir es nie erfahren.

Eine kommentierte Fahrt auf dem See lohnt sich auf jeden Fall. Spaßfaktor „zehn von zehn“.


Also gut:

Schottland hat alle Klischees, die ich im Kopf hatte bedient, aber dann auch irgendwie übertroffen.

Whiskey ist DAS Nationalgetränk und an jeder Ecke gibt es eine Whiskey-Destillerie.


Haggis schmeckt viel viel besser als man es sich gemeinhin vorstellt. Und an wenigen Orten dieser Welt habe ich so herrliche Patisserie und Desserts kosten dürfen.


Hühnenhafte Männer in karrierten Röcken sehen kein bisschen albern aus, sondern strahlen die typische (leicht erotische) Souveränität von Männern in Uniform aus.


Galloways und Schafe passen perfekt in die grandiose Landschaft der sanften grünen Hügel, die während meiner Reise von endlosen Flecken blühender, pinkfarbener Heide überzogen wurden.


Schottland ist wunderwunderwunderschön und sehenswert. Altertümliche Städte, pittoreske Fischerörtchen, gruselige Burgruinen, außergewöhnliches Essen, freundliche, humorvolle Menschen und beeindruckende Landschaften. Schottland hat es in meine persönliche Top 10 der Lieblings-Reiseziele geschafft.


Kommentare:

  1. Liebe Diane,
    herzlichen Dank für den Tipp mit der Gruseltour. Das werde ich sicher mal probieren, wenn ich wieder in Edinburgh bin.

    Liebe Grüße
    Renate

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Renate,
      bin gespannt wie es Dir gefallen wird, und hoffe, dass dann noch ganz viele tolle Anregungen zu Deinen Edinburgh-Tipps (http://rausinsleben.de/edinburgh-tipps/) dazu kommen.
      Liebe Grüße, Diane

      Löschen